Ein Weltreisender in Sachen Eishockey

In keiner anderen Sportart gibt es in Graubünden so viele «bezahlte» Spieler und Coaches wie im Eishockey. Grossverdiener sind zwar nur die wenigsten, spannende Geschichten zu erzählen haben aber auch die (Teilzeit-)Profis allemal. 

«Ich bin viel in der Welt umhergereist und ich behaupte, es gibt nicht viele bessere Plätze als hier», sagt Dusan Halhoun, Headcoach beim Bündner 2.-Liga-Eishockey-Klub HC Prättigau-Herrschaft. Der 41-Jährige muss es wissen. Er ist einer der Tausenden Hockey-Söldner, die als «Journeyman» auf allen Kontinenten der Welt ihren Lieblingssport zum Beruf gemacht haben.

«Die Schweiz gefällt mir ausgezeichnet, nicht nur wegen den Bergen und der Natur, sondern wegen der Leute», so Halhoun, «alle sind hier aktiv, gehen wandern, skifahren, biken, leben aktiv in der Natur. Das habe ich so noch nirgendwo erlebt.» Auch andere Schweizer Eigenheiten sind Halhoun in den letzten sechs Jahren beim HC Prättigau-Herrschaft aufgefallen, einige, die man nicht erwarten würde: «Eigentlich hat es fast zu viele Eishockeyklubs in Graubünden. Andererseits ist es auch kein Wunder, weil es in der Schweiz viele Freiwillige gibt, die sehr viel Zeit für ihren Klub investieren. Das war in Tschechien anders.»

Hockey auf vier Kontinenten

In Tschechien, genauer gesagt in der Eishockey-Hochburg Kladno, wuchs der 1975 geborene Halhoun auf. An die nationale Spitze schaffte es der Flügelstürmer nicht, und so versuchte er es schon in jungen Jahren im Ausland. Seine erste Station hiess Zoldo in der dritthöchsten italienischen Liga, wo er in seinen ersten beiden Saisons in 89 Spielen 107 Tore und 201 Punkte sammelte. Danach ging’s zurück nach Tschechien, dann nach Belgien, weiter für eine Saison in eine regionale Hockeyliga in die USA, dann nach Deutschland, Finnland, England bis nach Australien (!), ehe ihn seine «Eishockey-Reise» wieder nach Europa und via Deutschland, Holland und Österreich zum HC Prättigau-Herrschaft führte, wo er von 2009 bis 2011 beim HCPH  als Flügelstürmer die Skorerlisten stürmte, dann eine Saison als Spielertrainer amtete und seit 2011/12 die als Headcoach die Geschicke der Prättigauer führt.

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HCPH-Headcoach Dusan Halloun.

«Mein grosser Traum war nie, Hockeyprofi zu werden, sondern zu reisen und die Welt zu sehen», so Halhoun, der dies darauf zurückführt, dass er als Kind die Geschichten des Abenteuers James Cook gelesen und geliebt habe. «Ich hatte nie eine Eishockey-Agenda.  Ich bin einfach von einem Tryout zum andern gefahren und bin dahin gegangen, wo sich eine Möglichkeit ergab.» Das vielleicht verrückteste Engagement kam aus Südafrika, wo man in den 90er Jahren versuchte, im Rollhockey eine Liga auf die Beine zu stellen. «Da haben wir als Profis tatsächlich gutes Geld verdient!»

Beim HC Prättigau-Herrschaft ist Halhoun ein Mann für alle Fälle. Er coacht nicht nur die 1. Mannschaft – und hat sie in den letzten Jahren zu einem 2. Liga-Powerhouse geformt – sondern hilft auch bei den U20-Junioren, in der Hockeyschule, als Techniktrainer – und wo sonst Not am Mann ist. «Dusan lebt für den Eishockeysport und er passt von seinem Charakter her hervorragend zum HCPH», bestätigt Nachwuchschefin Sandra Milks-Schmid. 

«Ich spiele keine Rolle»

Einfach ist die Situation beim HCPH nicht. Die 2. Liga ist eine «Twighlight Zone». Viele Klubs bezahlen ihren Spielern ein Handgeld, die nicht auf finanziellen Rosen gebetteten Prättigauer – in den letzten Jahren hinter Davos, Chur und Arosa die Nummer 4 im kantonalen Eishockey – müssen Jahr für Jahr zusehen, wie im Verein ausgebildete Talente weiterziehen. «Für mich als Coach ist das natürlich schlecht, aber ich spiele bei dieser Frage keine Rolle», nimmt sich der Tscheche zurück, «ich frage den Spieler, ob er gehen will. Wenn er Ja sagt, dann sehe ich das positiv und hoffe, dass er Erfolg haben wird. Dank meiner Erfahrung kann ich ihn vielleicht auf bestimmte Dinge hinweisen oder auch warnen. Aber jeder ist anders. Und ich weiss selbst, dass es – wenn jemand weiterziehen will – dann auch Zeit dafür ist.»

Dass es diese Saison noch einmal eine Spur schwieriger ist als zuletzt, musste der HCPH am vorletzten Wochenende erfahren, als man den Spitzenkampf beim SC Rheintal gleich mit 3:7 verlor. «Es braucht halt Zeit. Letztes Jahr konnten wir mit vier Linien spielen, diese Saison bisher nur mit drei. Wir haben in Rheintal zwar hoch verloren, aber so ist Eishockey nun mal», zuckt Halhoun mit den Schultern, «Tatsache ist nun mal, dass wir gegen Teams spielen, die Geld bezahlen können. Ich muss es mit Motivation schaffen.» Insgesamt aber sieht er die Entwicklung des Eishockeys positiv. «Die Unterschiede auf der Welt werden immer kleiner, überall kann man heute gut Hockey spielen lernen.» In der Schweiz seien die Eishockeyaner zwar nicht so diszipliniert wie sie es einst in Tschechien waren, dafür seien die Spieler offener und kommunikativer. «Aber ich kann nicht Experte für ein ganzes Land sein», relativiert Halloun, «wir haben in Grüsch nicht das Top-Leistungszentrum wie in Davos, und auch in Chur haben sie viel mehr Möglichkeiten. Wichtig ist für mich, dass sich unser Team zusammenfindet.» Seine Rolle als Coach sieht er dann auch vor allem darin, seine Spieler zu pushen, wenn der eine oder andere mal faul werde. Und bei allfälligen Konflikten schlichtend einzugreifen und Entscheidungen zu treffen. «Als Coach hat man schon einen grossen Einfluss», sagt der Tscheche, «sowohl in der Spieler-Entwicklung wie auch während den Matches selbst.»

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«Zwei Familien»: Beim HCPH (mit Nachwuchschefin Sandra Schmid) und als Familienvater (mit Tochter Taleah).

Nur zaghaft will sich Halloun selbst charakterisieren. «Das müssen eigentlich andere sagen, es ist schwierig, es über sich selbst zu tun», sagt er, «wenn ich was sagen müsste, dann, dass ich weiss, was ich erwarte. Nämlich zu versuchen, immer so nah wie möglich an 100% des Leistungspotenzials zu kommen.» Ist Dusan Halloun ein Kollege oder ein Chef der Spieler? «Das kann man so nicht beantworten. Wenn jeder seinen Job macht, bin ich vielleicht ein ‹Buddy› der Spieler. Aber ich mag es nicht, Polizist für meine Mannschaft zu spielen, ich will nicht rumbrüllen. Man darf nicht vergessen, dass die Spieler neben dem Eishockey arbeiten oder zur Schule gehen, dass sie einen Mitgliederbeitrag bezahlen. Was es als Coach braucht ist, einen Plan zu verfolgen und trotzdem von Tag zu Tag den eigenen Führungsstil anzupassen.»

Seit Halloun beim HCPH die Geschicke der 1. Mannschaft leitet, sind die Prättigauer fast jedes Jahr an der 2.-Liga-Spitze dabei. Wenn es darum ging, den Sprung in die 1. Liga zu wagen, zögerten die Prättigauer allerdings stets. «Diese Frage muss man nicht mir stellen, das hat der Vorstand zu entscheiden», gibt er sich diplomatisch, «ich verstehe, dass es am Ende auf Geld und andere Ressourcen an kommt. Ich habe keine Probleme damit, mich den Gegebenheiten anzupassen.» Für ihn sei es nicht speziell, in der 1. Liga zu sein. «Der grösste Unterschied zwischen den Ligen ist der Speed auf dem Eis. Die Teams ändern sich, aber die Herausforderungen und Probleme bleiben dieselben. Als Coach hätte ich genau dieselbe Ausgangslage: Jeder Tag entscheidet.»

Keine Zeit für den HCD

Halloun ist neben Landsmann Ivo Prorok, der mit dem Palmarès eines ehemligen tschechischen Topspielers den HC Lenzerheide-Valbella coacht, der einzige Nicht-Schweizer Coach der Bündner Top-6-Teams (Davos, Chur, Arosa, Prättigau-Herrschaft, St. Moritz, Lenzerheide), Kontakte zu den anderen Klubs gibt es wenige. «Ich kenne Ivo Prorok natürlich», sagt Halloun, «aber letztlich geht es um Zeit, und davon hat man während der Saison halt nicht viel.» Selbst das grosse Partnerteam aus Davos verfolgt er nur am Rande. «Sie machen sicher einen guten Job, aber ich komme nicht dazu, sie nah zu verfolgen.» Er könne sich auch nicht vorstellen, dass Arno del Curto Zeit habe, die Saison des HCPH zu beobachten, meint Halloun lachend, «Ich war immer der Typ, der lieber Dinge selbst versucht, besser zu machen als den anderen zuzuschauen.» Dazu kommt, dass Halloun mittlerweile zweifacher Vater ist – eine Rolle, die er neben seinem Coaching-Teilzeitjob in vollen Zügen auslebt. 

Zu seiner Zukunftsperspektive kann Halloun nichts sagen. Im Prättigau gefällt’s dem Familienvater auf jeden Fall. «Ich bin mein ganzes Leben meinen eigenen Weg gegangen», so der 41-Jährige, «ich bin glücklich, so wie es ist. Dem Geld und der Zeit hinterherzujagen – so bin ich nicht. Wieso sollte ich also etwas ändern, wenn ich zufrieden bin?»

 

Steckbrief

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Name: Dusan Halhoun
Alter: 41 Jahre
Beruf: Teilzeit-Coach HC Prättigau-Herrschaft
seit: 6 Jahren
Wohnort: Grüsch
Familie: liiert, zwei Mädchen (8 Monate, 3.5 Jahre)
Hobbys: Familie und Hockey; früher Musik und Computer-Technik

 

 

(Bilder: GRHeute/HCPH)