Jagdinspektor Georg Brosi: «Es gibt keine Wildnis mehr»

Der 62-jährige Georg Brosi ist seit sechs Jahren Inspektor des Jagd- und Fischerei-Departements des Kantons Graubünden. Der passionierte Jäger und ehemalige Grossrat und Gemeindepräsident von Scuol hat in der letzten Schweizer Familie ein ausführliches Interview zur Situation mit den Calanda-Wölfen gegeben.

«Ich habe mich in der Öffentlichkeit bewusst nie emotional über die Wölfe geäussert» so Brosi gegenüber der Schweizer Familie. Der 62-Jährige weiss, dass das Thema brisant ist. Am Wolf, überhaupt an Grosswildtieren, scheiden sich in Graubünden die Geister. Für Brosi ist die Existenz des Calanda-Wolf-Rudels ein Experiment. «Es gibt keine Wildnis mehr in der Schweiz, wir leben in einer Kulturlandschaft. Es ist illusorisch zu glauben, dass sich in diesem Umfeld ein friedliches Nebeneinander von Nutztieren, Wild, Wölfen oder Bären einpendelt. Sollen die Wölfe hierzulande bleiben, müssen wir klare Strukturen schaffen und auch sehr handfest in die Situation eingreifen können.»

Abschüsse müssen möglich sein

Damit meint er, Wölfe auch abschiessen zu müssen – wie 2001, als man im Engadin eine Abschussbewilligung erteilte. Besorgt zeigt sich Brosi über die Entwicklung in Vättis. Vor kurzem riss ein Rudel nahe der Bündner Kantonsgrenze ein neu geborenes Kalb. «Mutterkühe verteidigen ihre Kälber bis auf’s Blut. Ich war stets überzeugt, dass es die Wölfe nicht wagen, ein Kalb zu holen», so Brosi.

Der Wolf durchschwimmt den Rhein

Der Jagdinspektor gibt im Interview interessante Einblicke in das Leben des Wolfes am Calanda: Oder wussten Sie, dass die Wölfe ausgezeichnete Schwimmer sind und den Rhein regelmässig überqueren? Oder dass die Wölfe das Wild gemäss Brosi «nicht verfolgt, sondern managt»? Sprich: «Das Rudel jagt nie lange am gleichen Ort. So verhindert es, dass grosse Unruhe unter dem Wild aufkommt. Kaum haben sie zugeschlagen – sind sie auch schon wieder weg», so Brosi, «das Wild wiegt sich in Sicherheit – bis die Wölfe nach ein paar Wochen zurückkehren.»

Wildbestand deutlich gesunken

Brosi glaubt, dass sich am Calanda trotz der Wölfe immer noch jagen lässt, obwohl der Wildbestand am Hausberg des Bündner Rheintals um rund ein Drittel gesunken ist. Er räumt ein, dass das Wild vorsichtiger worden sei, Gämsen sich in unzulänglichere Gebiete zurückgezogen und sich Hirsche zusammengeschlossen hätten. Die Jagd auf Wildhasen sei am Calanda sozusagen eingestellt worden, weil man dazu Hunde frei laufen lassen müsste. «Einen solchen Vorfall gab es im Dezember 2013», erinnert sich Brosi in der Schweizer Familie, «ein unbeaufsichtigter Jagdhund verschwand. Vermutlich wurde er von den Wölfen getötet.»

 

(Symbolbild: Europäischer Wolf/Pixabay)