Bündner Perlen: «Tyte Stone – S’warma Album» (1992)

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Hin und wieder gibt es Platten aus Graubünden, die nie eine grosse Medienaufmerksamkeit erhalten haben oder vielleicht schon in Vergessenheit geraten sind. Dieses neue Gefäss, exklusiv auf GRHeute, wühlt durch alte LP-Kisten, entstaubt CD-Sammlungen und widmet grossen Werken eine kurze, aber ausführliche Plattenkritik mit einem gehörigen Schuss Nostalgie. Einerseits zur Erinnerung, anderseits zur Aufstockung jeder Tonträgersammlung, aber vor allem um aufzuzeigen, welch vielfältige Bündner Musikszene wir doch haben.

Diese Perlen dürfen in keiner kompletten Bündner Musiksammlung fehlen. Willkommen zu den Bündner Perlen.

1992 war ich gerade mal vier Jahre alt. Auf jeden Fall weit weg davon zu wissen, dass das mit den Blümchen und Bienen und der Geschichte mit dem Storch nicht der Wahrheit entsprach. Ich erlebte eine idyllische Kindheit im zauberhaften Prättigau und war erst kurz nach dem Millenium ausserhalb der Chlus und interessierte mich für Musik aus der Region.
Vor 24 Jahren erschien die heutige Perle und doch begründet sie den Kult um eine Churer Partyband, die heute noch aktiv ist.

Als ich in der Pubertät steckte, war die Band Tyte Stone auf unserem Schulhof so etwas wie ein Phantom. Alle sprachen von ihnen, doch die Tonträger der Gruppe wären recht schwierig zu kriegen. Mein Interesse war geweckt, denn alle sprachen von ihnen in den höchsten Tönen: Lustig und rockig wie die Ärzte, nur mit dem kleinen Unterschied, dass sie aus Chur kamen. Eine Odysee zur Beschaffung der Alben der Band startete, heute besitze ich sie alle. Doch der Weg war lang bis dahin und führte mich von Brocki zu Brocki, in den Exlibris, in den Citydisc am Bahnhof und so weiter. Fündig wurde ich dann, wie könnte es anders sein, im Tolgga Music, der damals noch in der Nähe vom Coop Quader stand. Als ich die schwer zu kriegenden Alben zu Hause zum ersten Mal hörte, lauschte ich leise den Klängen. Denn meine Eltern sollten ja nicht gerade mitkriegen, dass ich ein Album hörte, bei dem es nur um Austausch von Körperflüssigkeiten ging. Vom ersten Ton an war ich Fan, dies nun auch schon mein halbes Leben. Die Formation Tyte Stone war für mich eine Revolution, denn sie nahmen ohne Rücksicht auf Verluste kein Blatt vor den Mund und rockten auch noch richtig ab.

Zum ersten Mal live gesehen habe ich die Jungs an der «Blue Music Night», die mein zukünftiger Hafen für erste journalistische Erzeugnisse High5 so um die 2005 im Hallenstadion Chur organisiert hatte. Es spielten an diesem Abend eine Band namens «200 Sachen», die nicht unbekannten «QL», erstmals mit dem Bündner Stämpf und eben die schüchternen Tyte Stone Buaba. Für mich war es ein sehr prägender Abend, denn nicht nur das Ambiente stimmte, auch die Bands waren der Wahnsinn. Tyte Stone schloss sich ein letztes Mal mit ihrem «verlorenen Sohn» Stämpf zusammen und spielte den Überhit «Tyte Stone Rock ’n› Roll». Hinzu kam, dass die Herren gehobenen Alters massenhaft Gummipuppen ins Publikum warfen und die Stimmung trotz meines kompletten Verzichts auf Alkohol an diesem Abend sensationell war. Bei mir hat diese Band mit ihrer grossen Show, dem Ausziehen und Verkleiden und den immer noch sehr pubertären Sprüchen einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Der grosse Pluspunkt, den Tyte Stone für mich schon immer hatte, ist, dass sie sich selbst kein bisschen ernst nehmen. Selbst, wenn andere immer völlig versteift auf irgendwelche Ziele fokussiert waren, haben Tyte Stone den Moment genossen und Musik aus Freude an der Sache produziert.

Ebenfalls an diesem Abend entstand eine Anekdote, die ich euch nicht vorenthalten möchte: Ich musste nach dem Auftritt von «QL» umbedingt auf die Toilette, darum bat ich meine Begleitung Sarah Mark, mir Autogramme der Jungs zu holen. Ich sagte ihr, sie sollte ihnen doch bitte sagen, einmal «Für Chris» und einmal «Für nüt» drauf schreiben zu lassen, also quasi einmal für mich und einmal ohne Widmung. Doch ich erhielt bei meiner Rückkehr eine Autogrammkarte auf der «Für Chris» stand und eine auf der «Für nüt» stand. Die eine habe ich heute noch, die auf der «Für nüt» steht, danke «QL» für dieses unvergessliche Souvenir.

Persönlich kennenlernen durfte ich die Jungs, als ich mich für «Bock uf Rock 4» erstmals getraute, sie um ein Lied zu bitten. Ich war erstaunt, denn die Jungs waren immer gut drauf und unkompliziert. Gila war von Anfang an professionell, obwohl sie mir kein Lied hätten zur Verfügung stellen müssen, war es ihnen eine Ehre. So erhielt ich den Hit «Blasen», den ich heute noch für einen ihrer besten Songs halte.

Ich buchte sie für die Plattentaufe im nachfolgenden Jahr zur CD «Bock uf Rock 5» und es wurde eine gigantische Nacht im Kulturhaus. Die Jungs waren wie ich, einfach easy drauf und absolut auf der gleichen Wellenlänge. Es war episch. Ebenfalls nie vergessen, werde ich die Ansage von Shy-Boy-Roli: «Ich hätte vor zwanzig Jahren eher gedacht, dass dies ein Witzprojekt bleiben wird. Dass wir das in unserem gehobenen Alter noch machen werden, wäre mir damals sehr unglaubwürdig erschienen.»

Doch zurück zu der CD, die eine Signalwirkung bis in die Redaktion des deutschen Metalhammers hatte. Die CD, die den Churer Jungs, neben Anzeigen von der Kirche, auch mächtig Presse in den Boulevardmedien wie Blick bescherte. Das Kultobjekt: «S’warma Album»!

Losgelegt wird mit der zeitlosen Geschichte der Nonne Beatrice, schlicht unter dem Titel «Nonnen» wird da erklärt, dass auch Nonnen sexuelle Gelüste haben und neben Kerzen auch hin und wieder auf Kardinäle oder andere Kirchenbedienstete zurückgreifen würden. Der Klassiker war geboren und wird heute noch an jedem Konzert der Band gewünscht sowie lauthals mitgegröllt.

Die anschliessende «Begrüssung» ist hochstehender Humor, in dem erklärt wird, was man alles mit den «25 Stutz» für die CD auch noch anstellen hätte können. Doch zum guten Glück hat man sie hier ja richtig investiert.

Das Doppel aus «Süsse kleine Schwester» und «She’s ready» zeigen Tyte Stone von ihrer groovigen rockigen Seite, mit Voodoo-Hänsel am Gesang, werden damals typische Rockklischees bedient.

Dann folgt mit «Verschissni Wucha» endlich der erste Auftritt des legendären Shy-Boy-Roli, der in bester Story-Telling-Manier von einer beschissenen Woche erzählt.

Dann folgt der Klassiker «Schörschl», der als Ode an eine homoerotische Freundschaft zu verstehen ist. Heute Kult und Pflichtprogramm an jeder Tyte Stone-Show und voller Lagerfeuerromantik.

«Over the Highway» ist feinster Rock ’n› Roll, der die seriöse Seite der Band zeigt, aber vor allem aus diesem Grund nicht so richtig zündet.

«Hänsel und Gretl» ist die Neuinterpretation des Märchens der Grimm Brüder. Absolut jugendfrei und kultig. Shy-Boy-Roli at its finest.

Mit «Exorzist» folgt wieder eine Pflichtnummer von Voodoo-Hänsel, der sein düsteres Image bedient und von dem her absolut auf diese CD gehört.

Dann kommt mit «Trullalla» ein weiterer Schlag ins Gesicht der Kirche. Opfer der troubadour-mässigen Konfrontation ist der Churer Bischof. Ideal geeignet für jedes Fest am Lagerfeuer. Ich sage nur: «Min Bündner Schatz, für dini Fuscht hed’s au no Platz». Wenn sie mit den Nonnen noch nicht angezeigt worden wären, bei diesem Track beschworen sie eine Anzeige. Humor in exquisiter Form mit Nachwehen und Kultfaktor.

Dann fällt mit «Büablifigger» der Stein des Anstosses. Doch wie aktuell der Fall des Kindesmissbrauchs von der Kirche her heute immer noch ist, kann man beispielsweise im Film «Spotlight» nachschauen, der auf wahren Begebenheiten beruht. Tyte Stone waren die ersten, die sich getrauten, dieses heikle Thema öffentlich zu propagieren und das im Jahre 1992, wo die Kirche noch massiv mehr Leute in ihren Bann zog. Bewundernswert wie die Churer Band hier ein leider immer noch aktuelles Thema öffentlich in Form eines Songs vom Tabuthema zum Tagesthema erhob und der Öffentlichkeit zugänglich machte. Chapeau!

Ein weiterer Klassiker folgt mit der Nummer «Telephonsex», die auch heute noch sehr unterhaltsam ist und inzwischen Bündner Kulturgut vieler Jugendlicher ist. Grosses Kino!

«Pony & Trap» zeigt die Kongenialität des Duos Gila/Roli,  die nicht nur auf feinstem, pubertärem Humor beruhrt, sondern auch instrumental richtig was zu bieten hat.

«A netta Unkl» thematisiert Pädophilie, bevor irgendjemand sich überhaupt traute, in Graubünden über das Tabuthema zu sprechen. Auch dieses Thema ist nach wie vor leider sehr aktuell.

Dann folgt mit «Das Schweigen der Lämmer» ein im Rap sogenanntes Skit, dass passend zum Humor der restlichen CD passt.

«Love Fire» ist feinster 80er Rock und mit Mitsinggarantie versehen.

Dann folgt die depressive Ballade «Udo», die im Nachhinein ein bisschen schwer und erzwungen wirkt, weil sie in Hochdeutsch gehalten ist.

Der «Westernsong» ist typisch Tyte Stone, frech, pervers und lustig.

Auf dem «Strayin› Wolves Blues» verarschen die Jungs die Bluesmusiker, die einzig auf das Abwichsen der Gitarre fokussiert sind und somit Sinnlosigkeit auf ein neues Level bringen.

Den Abschluss der CD macht ein Chorlied mit dem eindeutigen Titel «Saufhymmne», das an jedem Junggesellenabschied eigentlich fix auf den Programm stehen sollte. Doch wer denkt, die CD sei nach dem Song zu Ende, kennt die Tyte Stone Buaba schlecht. Es folgen humoristische Outtakes aus den Aufnahmen, welche die Bauchmuskeln weiter strapazieren und das Album lustig abschliessen. Die Jungs haben nicht geflunkert, sondern auch effektiv Sex-Hotlines kontaktiert, was die Outtakes bestätigen.

Schlussfazit:

Tyte Stone haben 1992 ein Album geschaffen, dass 2016 aktueller denn je ist. Es behandelt neben vielen humoristischen Werken auch Missbrauch der Kirche, Inzest und Pädophilie. Nie zuvor und danach wurden solche heiklen Themen massentauglicher in Lieder verpackt. Diese Art, wie die Jungs auf Missstände hinwiesen und Stellung bezogen, ohne rechthaberisch, aufgesetzt oder gar belanglos zu wirken, verdient heute noch den vollen Respekt und begründet den Kult um die Churer Truppe. Mögen die Tyte Stone Buaba noch lange leben und weiterhin legendäre Partys schmeissen; «s’warma Album» bleibt ein Klassiker der Bündner Musikgeschichte mit Höhen und Tiefen und vor allem voller langlebiger Klassiker.

 

Mehr Informationen zu Tyte Stone und viele weitere interessante Anekdoten der Jungs unter www.tytestone.ch