BDP «verliert» am meisten, SP am wenigsten Stimmen

Gemäss einer Umfrage der Südostschweiz vom letzten Wochenende soll die BDP die grosse Gewinnerin an den Parlamentswahlen 2015 werden. GRHeute verrät, warum dies unwahrscheinlich ist.

Noch etwas mehr als eine Woche – und Graubünden weiss, von wem es in den nächsten vier Jahren in Bern vertreten wird. Dass die Mitte-Allianz mit CVP, FDP und BDP den vor vier Jahren an Josias Gasser verlorenen Sitz zurückholen wird, ist wahrscheinlich. Mit der Listenverbindung zwischen SP und GLP – nach Parteienstärke die Nummer 4 und 6 im Kanton –  wurden 2011 die Bürgerlichen letztlich übertölpelt. Vor allem die FDP verkalkulierte sich massiv und verlor den Sitz von Tarzisius Caviezel.

1. SVP 73’789 Listenstimmen – 1 Sitz 24.99%
2. BDP 60’387 Listenstimmen – 1 Sitz 20.45%
3. CVP 49’117 Listenstimmen – 1 Sitz 16.64%
4. SP 46’075 Listenstimmen – 1 Sitz 15.61%
5. FDP 35’134 Listenstimmen 11.90%
6. GLP 24’357 Listenstimmen – 1 Sitz 8.25%

Diesen Fehltritt will sich die Mitte-Allianz 2015 nicht mehr leisten, die logische Verbindung garantiert der CVP, FDP und BDP faktisch drei Sitze. CVP-Spitzenkandidat Martin Candinas ist gesetzt. Die Südostschweiz-Umfrage geht davon aus, dass die BDP stark zulegt und die FDP viel verliert, so dass die Gelb-Schwarzen allenfalls sogar zwei Sitze erringen könnten.

Einige Punkte sprechen gegen diese These, beispielsweise wie viele Stimmen die Parteien im Vergleich zu 2011 «verlieren». So fischte Nationalrat Hansjörg Hassler als Ehemaliger auch sehr viele Stimmen in anderen Lagern. Ein Plus, das die BDP dieses Jahr nicht mehr in der Hinterhand hat.

Werfen wir einen Blick auf die zehn Politiker, die 2011 viele Stimmen holten, 2015 aber nicht mehr antreten. Stimmen also, die die Parteien erst mal ersetzen müssen.

Hansjörg Hassler BDP 21’421 Stimmen
Tarzisius Caviezel FDP 13’206 Stimmen
Andy Kollegger BDP 11’129 Stimmen
Vincent Augustin CVP 10’584 Stimmen
Jon Domenic Parolini BDP 10’326 Stimmen
Tino Zanetti CVP   7193 Stimmen
Christian Aliesch SVP   6875 Stimmen
Jon Peider Lemm SVP   6631 Stimmen
Ernst Nigg SVP   6449 Stimmen
Peter Peyer SP   6011 Stimmen

Betrachtet man die Parteienstimmen der «sechs Grossen» (inklusive Jungparteien), dann zeigt sich ein ähnliches Bild. Wie viele Stimmen müssen «ersetzt» werden? Am meisten verliert die BDP, am wenigsten die GLP und die SP.

BDP 44’842 Stimmen
SVP 36’851 Stimmen
CVP 29’831 Stimmen
FDP 18’104 Stimmen
SP 15’404 Stimmen
GLP   7’589 Stimmen

Natürlich werden viele BDP-Wähler  – um bei diesem Beispiel zu bleiben – weiterhin die eigene Liste (und vor allem Spitzenkandidat Duri Campell) einwerfen, grosse Parteienverschiebung sind deshalb eher nicht zu erwarten. Trotzdem ist es alles andere als sicher, dass auch Wechselwähler und Wähler anderer Parteien der BDP weiterhin ihre Stimme geben.

Schauen wir zu guter Letzt, welche Parteien wie viele Wiederholungstäter ins Rennen schicken, sprich: PolitikerInnen, die sich schon 2011 um ein Mandat im Nationalrat bewarben – und wie viele Stimmen sie sozusagen in den neuen Wahlkampf mitnehmen. 18 der 70 PolitikerInnen, die heuer zur Wahl stehen, wollten schon vor vier Jahren nach Bern – 4 davon haben es dann auch geschafft.

SVP (7)

 Heinz Brand *  18’581
 Valérie Favre Accola    7’313
 Livio Zanolari    4’475
 Paul Accola    1’872
 Jan Koch      499
 Hansjürg Lippuner 376
 Willi Forrer 363

SP (5)

 Silva Semadeni * 13’153
 Jon Pult  9’832
 Beatrice Baselgia-Bruderer  6’852
 Andreas Thöny 5’030
 Flurina Bezzola 988

FDP (4)

 Ruedi Kunz  5’359
 Michael Pfäffli 5’018
 Karin Niederberger 3’494
 Manuela Fetz 323

BDP (2)

Elisabeth Mani-Heldstab 7’331
Andreas Felix 6’281

CVP (1)

Martin Candinas* 14’330

GLP (1)

Josias Gasser * 16’123

 

Fazit: Wer wird gewählt?

Bei der SVP scheint der Fall klar: Heinz Brand wird im Nationalrat verbleiben, seine prominente Parteikollegin Magdalena Martullo-Blocher wird es hingegen höchstwahrscheinlich nicht schaffen. Sie dürfte sich einen heissen Kampf mit Kantons-Präsidentin Valérie Favre Accola um die 2. Position liefern.

Eine Frage bleibt bei der Linken offen: Kann der Churer Jungpolitiker Jon Pult seine Listenkollegen Silva Semadeni und Josias Gasser überholen? Beiden droht nach einer wenig inspirierenden Legislaturperiode die Abwahl. Allerdings haben sie aus dem letzten Wahlkampf noch eine beachtliche Reserve sowie den Bisherigen-Bonus.

In der Mitte ist Martin Candinas von der CVP gesetzt, auch der neue BDP-Spitzenkandidat Duri Campell kann sich seiner Sache ziemlich sicher sein.

Den letzten verbleibenden Sitz holt wahrscheinlich:

  • die FDP mit den neuen Angela Casanova-Maron oder Alt-Standespräsident Hanspeter Michel (GRHeute-Wahrscheinlichkeit: 45%)
  • einer der BDP-Kronfavoriten Elisabeth Mani-Heldstab oder Andreas Felix (GRHeute-Wahrscheinlichkeit: 30%)
  • oder der Zweitplatzierte aus dem linken Trio Semadeni, Gasser, Pult (GRHeute-Wahrscheinlichkeit: 15%)
  • oder die Zweitplatzierte in der SVP, entweder Magdalena Martullo-Blocher oder Valérie Favre-Accola (GRHeute-Wahrscheinlichkeit: 10%)

Ein spannendes Finish bis zum 18. Oktober steht uns auf jeden Fall bevor.

 

(Bild: GRHeute)